Trennung
Meine Kinder leben beim Vater - und das ist gut so!

Eine Mutter entscheidet sich, nach der Trennung die Kinder beim Vater zu lassen. Es funktioniert für alle ganz gut - wenn nur das Umfeld nicht so schockiert wäre.

Foto: Oliver Rossi/Corbis

Ein Gutenachtkuss muss sein. Klar. Das ist bei uns nicht anders als bei allen anderen Müttern und Kindern. Nur, dass meine beiden Töchter ihren Gutenachtkuss an drei bis fünf Abenden in der Woche durchs Telefon bekommen. Denn sie leben nicht bei mir, zumindest den größten Teil der Zeit. Meine Kinder wohnen seit unserer Trennung bei ihrem Vater. Wir machen also alles ganz genauso, wie die meisten getrennten Elternpaare auch - nur umgekehrt. Was unser Umfeld als ständige Provokation betrachtet.

Es gab diesen Abend, an dem mein Mann und ich anfingen, über die Zukunft zu reden. Über die Zukunft danach. Nach uns als Paar. Dass wir als Paar gescheitert waren, lag auf der Hand, das hatten wir zu diesem Zeitpunkt schon akzeptiert. Trotzdem waren wir uns einig - bei allem, was die Kinder betraf. Wir würden nicht an ihnen zerren, sondern gemeinsam eine Lösung finden.

Was ist das Beste für die Kinder? Mein Mann stellte die Frage, die uns beiden völlig legitim erschien: "Und wenn ich möchte, dass die Kinder bei mir bleiben?" Inzwischen habe ich gelernt, dass die Reaktion, die von einer Mutter in so einem Moment erwartet wird, irgendwo zwischen hysterischem Geschrei und Ohnmachtsanfall liegt. Ich aber sagte an diesem Abend: "Dann können wir darüber reden." Dafür hatten wir uns schließlich zusammengesetzt.

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht

Es scheint mir überflüssig zu erwähnen, dass ich meine Kinder liebe. Für alle Fälle sage ich es aber doch: Ich liebe sie. Sehr. Sie waren von Herzen erwünscht und wurden mit großer Ungeduld erwartet. Die Entscheidung, in eine Wohnung ohne sie zu ziehen, ist mir nicht leichtgefallen. Aber ihr Vater liebt sie auch. Sehr. Und ihm wäre es genauso schwergefallen, von ihnen wegzuziehen.

Warum gehen die meisten Menschen davon aus, dass Vätern und Kindern eine räumliche Trennung zuzumuten ist, Müttern und Kindern aber nicht? Wir mussten eine Entscheidung treffen. Punkt. Und wir haben sie getroffen, das Ergebnis funktioniert die meiste Zeit gut - für uns alle vier, auch wenn es natürlich manchmal knirscht im Getriebe - wie bei jeder anderen Familie, wie bei jedem anderen Lebensmodell auch.

Mein Mann konnte seine Arbeitszeit so reduzieren, dass er die Kinder an drei von fünf Tagen vom Kindergarten abholen kann. Unsere Töchter sind sechs und vier, und ihr Vater stemmt jetzt all das im Alltag, was ich in den Jahren zuvor gestemmt habe. An den beiden anderen Werktagen hole ich die Mädchen ab, verbringe den Nachmittag mit ihnen und fahre sie abends zu ihrem Papa - nach Hause. Denn dass dort ihr Zuhause ist, das haben wir klar geregelt. An den Wochenenden wechseln wir uns ab.

Mein Mann und die Mädchen sind in unserer Wohnung mit dem großen Garten geblieben. Die Kinder gehen weiter in den Kindergarten, den sie kennen. Wenn unsere Große nach den Sommerferien in die Schule kommt, kennt sie die meisten ihrer Klassenkameraden. Die Großeltern leben in der Nähe, die Kinder sehen sie regelmäßig.

Ein Kinderzimmer gibt es in meiner Wohnung nicht

Ich habe mir eine Zweizimmerwohnung gesucht, 50 Quadratmeter, Erdgeschoss, Küche, Bad und Garten. Sie liegt etwa 35 Kilometer vom Wohnort meiner Kinder entfernt, in der Nähe meiner Arbeit und meines früheren Lebensmittelpunktes, der jetzt wieder mein aktueller Lebensmittelpunkt ist.

Ein eigenes Kinderzimmer gibt es nicht in meiner neuen Wohnung, ich zahle lieber weniger Miete und habe dadurch mehr Geld, um mit den Mädchen was Schönes zu unternehmen. Wenn sie bei mir sind, schlafen sie in meinem 1,60 Meter breiten Bett und ich im Wohnzimmer auf der Schlafcouch. Keinen von uns stört das.

An den Abenden, an denen ich meine Kinder nicht sehe, telefoniere ich mit ihnen. Sie erzählen mir ihren Tag, ich erzähle ihnen meinen. Unsere Große kann sehr gut erzählen, durch sie erfahre ich eine Menge aus ihrem Kinderkosmos. Die Kleine weiß manchmal nicht, was sie sagen soll, dann möchte sie nicht ans Telefon. Aber ihren Gutenachtkuss will sie jeden Abend, ich schmatze in den Hörer, wir sagen Gute Nacht.

Manchmal ist mir elend nach dem Telefonat. Dann spüre ich, was ich wieder verpasst habe, unwiederbringliche Momente im Leben meiner Töchter. Aber ich weiß: Das ist der Preis, den ich dafür zahle, dass unser Leben funktioniert, und es meinen Kindern gut geht.

Vielen erscheint unser Modell als Zumutung

"Kannst du da denn gar nichts mehr machen?", höre ich oft von entsetzten Bekannten, wenn sie erfahren, dass meine Kinder nach der Trennung nicht bei mir geblieben sind. Nein, Leute, ich denke, da kann man nichts mehr machen. (Begegnet Vätern, die ausziehen, diese Frage eigentlich auch so häufig?)

Wir haben es als Paar nicht hingekriegt, aber wir versuchen unser Bestes, es weiterhin als Eltern hinzukriegen. Vielen erscheint unser Modell als Zumutung für mich als Mutter und grausam für unsere Kinder. Ich kann aber nichts Grausames darin sehen, wenn zwei Erwachsene gemeinsam alles dafür tun, dass ihre Kinder die Trennung möglichst unbeschadet überstehen.

Mein Mann und ich reden noch miteinander, und wir unterstützen uns, wenn einer von uns die Krise kriegt. Das scheint mir mehr zu sein, als viele Paare mit der konventionellen Alltagsmama-Wochenendpapa-Lösung hinkriegen.

"Aber was ist in ein paar Jahren, wenn dir klar wird, was du getan hast?", werde ich gefragt. Nun, wenn ich dann anders über unser Lebensmodell denke, werde ich wohl mit dem Vater meiner Kinder darüber sprechen.

Warum sollte es Kindern schaden, beim Vater zu leben?

"Hoffentlich nehmen die Kinder keinen Schaden dabei", ist eine andere wohlmeinende Reaktion. Eine, die mich immer wieder verblüfft. Was bringt die Leute dazu, anzunehmen, dass es Kindern schadet, beim Vater zu leben, der sie ebenso liebt und ebenso verantwortungsvoll mit ihnen umgeht wie ihre Mutter?

In Deutschland wachsen die Kinder nach einer Trennung nur in einem von zehn Fällen beim Vater auf (Quelle Bundesfamilienministerium) - inzwischen glaube ich nicht mehr, dass das an den Vätern liegt. Unsere Gesellschaft ist auch im Jahre 2015 zutiefst davon überzeugt, dass die Kinder zur Mutti gehören. Wer einen anderen Weg wählt, muss sich permanent an einem Widerstand aus Missbilligung abarbeiten, den es zum Schmerz des Scheiterns, zum Vermissen, zu allen praktischen Veränderungen gratis obendrauf gibt.

Vor einigen Monaten waren wir auf eine Hochzeit eingeladen. Meine Große fragte, was Heiraten sei und wozu man das mache. Ich erklärte ihr, dass man, wenn man sich sehr liebt und für immer zusammenbleiben will, heiraten kann. Sie fragte: "Wollt ihr auch für immer zusammenbleiben?"

Wie gern hätte ich mit Ja geantwortet. Aber ich kann zugeben, dass meine neue Lebenssituation auch ihre guten Seiten hat. Wäre es anders, müsste ich ja ständig deprimiert sein, das würde keinen von uns vieren glücklich machen.

Manchmal zerreißt mich die Sehnsucht

Ich sage nicht, dass es immer einfach ist. Wenn die Mädchen das Wochenende bei mir verbracht haben und ich zurück in die leere Wohnung komme, nachdem ich sie zu Hause abgesetzt habe, sehe ich ihre herumliegenden Basteleien und könnte heulen. Dann kann ich ihre Spuren tagelang nicht aufräumen.

Es gibt Momente, da überfällt mich das Vermissen wie ein körperlicher Schmerz. An dem Abend, an dem ich endgültig aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen bin und allein, ohne meine Kinder, zu meiner neuen Wohnung fuhr, hat es mich fast zerrissen. Ich fuhr und schrie und schrie. Aber ich habe mir nicht erlaubt, rechts ran zu fahren und völlig auszurasten. Ich hatte Angst, mich davon nicht mehr zu erholen. Ich bin schreiend weitergefahren und irgendwann angekommen. Ausgestiegen, in die Wohnung gegangen. Und habe, Schritt für Schritt, mein neues Leben in die Hand genommen. Unser neues Leben.

Ich glaube daran, dass die Bindung zwischen meinen Kindern und mir so stabil ist, dass wir dieses Modell leben können, ohne dass ich sie verliere oder sie mich. Ich glaube, dass meine Kinder selbstbewusst antworten können, wenn sie von anderen Kindern gefragt werden: "Wieso lebst du eigentlich nicht bei deiner Mama, ist die abgehauen?" Wenn wir unseren Kindern mit all unserer Liebe vermitteln, dass unser Lebensmodell normal ist, richtig und gut, werden sie das, hoffentlich, auch so empfinden.

Neulich erzählte mir meine große Tochter, dass die Eltern einer Kita-Freundin sich ebenfalls getrennt haben: "Aber bei denen ist der Papa ausgezogen." Ganz nebenbei hat sie das berichtet. Ich denke, sie sieht es als das, was es ist: als eine Option von mehreren. Man kann es so machen, oder man macht es anders. Genau so ist es.

  • Artikel vom 22.12.2015
    Text: Hannah Theobald
    Ein Artikel aus der BRIGITTE MOM 02/2015
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