Geburtshilfe
Hebammen am Limit: Eine schlimme Nacht im Kreißsaal

Immer unter Druck, kaum Zeit zum Essen: Der Personalmangel sorgt für Dauerstress in den Kreißsälen. Hebamme und Bloggerin Anja über eine typische Nachtschicht.

Foto: Halfpoint/shutterstock

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Das Blog: Von guten Eltern

Die Blogger: Das Blog von Anja und Christian beleuchtet das ganze Spektrum des Elternseins, mal aus Sicht der Mutter, des Vaters oder der Hebamme, denn das ist Anjas Job.

Das gefällt uns: Schönfärberei sucht man hier vergeblich, dafür gibt es Trost, tolle Tipps und kluge Gedanken.

Nachtdienst im Kreißsaal. Es sind bereits viele Frauen unter der Geburt vor Ort. Doch wie viele es noch werden sollten, ist am gestrigen Abend noch nicht absehbar. Und genau das ist immer wieder in allen Kliniken das Problem. Ebenso wie das Problem, dass nur selten wirklich so viele Hebammen vor Ort sind, wie es laut Stellenschlüssel mindestens sein sollten.

Die meisten Kliniken suchen Hebammen. Davon sprechen auch die seitenlangen Stellenausschreibungen in den Fachzeitschriften. Doch während gesucht wird, wird auch weiter geboren.

Ähnlich verhält es sich mit dem generellen Pflegenotstand in Krankenhäusern. Patienten können nicht darauf warten, bis eine Station mit genug Personal aufgestockt ist. Es geht einfach weiter. Auch weil vom Personal letztlich doch keiner wegläuft, selbst wenn so manchem Menschen oft genug danach wäre.

Einarbeiten im neuen Job? Nicht möglich

Wenige Stunden nach Dienstantritt begleite ich die erste Geburt, auch wenn eigentlich "gemütliches Einarbeiten" auf dem Plan stand. Schließlich bin ich sogar als zusätzliche Hebamme für die Einarbeitungszeit eingeplant. Doch in dieser Nacht ist für alle ständiges Improvisieren angesagt.

Für mich heißt das, Handschuhe und Nabelklemme suchen genauso wie mich immer wieder hier und da zu verlaufen. Es fällt aber gar nicht weiter auf in dem Kreißsaal-Gewusel aus Gebärenden und Angehörigen. Dazwischen das Stöhnen von Frauen unter der Geburt und immer wieder wieder die ersten Laute der neugeborenen Kinder.

Man merkt überhaupt nicht, dass es mitten in der Nacht ist bei dem hohen Aufkommen von Menschen im Kreißsaal. Aber: Viel zu oft heißt es warten lassen und vertrösten statt Geburtsbegleitung. Die werdenden Eltern sehen, was los ist und haben Verständnis. Aber irgendwie auch nicht.

Geburtshilfe am Limit

Als der Kreißsaal dann komplett am Limit ist, versucht die Ärztin, Frauen in anderen Geburtskliniken unterzubringen. Kein leichtes Unterfangen, denn dort ist es genauso voll.

Für eine Frau ist der Krankenwagen zur Verlegung bereits bestellt, als sich bei einer erneuten Untersuchung herausstellt, dass die Geburt für eine Verlegung doch bereits zu weit fortgeschritten ist. Kurz darauf wird das Baby geboren, denn Kinder halten sich nunmal nicht an Pläne. Und Geburten sind nicht planbar. Das ist immer wieder die Herausforderung.

Doch es ist sicherlich nicht so, dass Hebammen im Kreißsaal zwischen Langeweile und Überlastung stetig hin und her pendeln. Viel mehr ist die Überlastung hier nur allzu oft der Normalzustand. "Wir müssen noch eine Überlastungsanzeige schreiben", sagt eine der Kolleginnen am nächsten Morgen. Wenn Zeit dafür ist, denn gerade haben alle noch viel zu viel geburtsspezifischen Papierkram zu erledigen – in den Überstunden nach Dienstende.

"Und dafür bin ich Hebamme geworden?"

Alle sind müde und hungrig, denn Zeit zum Essen bleibt in solchen Nächten nicht. Aber daran denkt niemand. Gedanken macht man sich darüber, wie es den Frauen mit solchen Situationen geht. Eine Kollegin weint fast, weil sie das Gefühl hat, nicht genug Zeit für manche der Mütter gehabt zu haben.

Es geht ihr wie uns allen. Sie sagt: "Und dafür bin ich Hebamme geworden?" Nein, keine von uns ist wohl dafür Hebamme geworden.

Die freiberuflichen Hebammen sind am Limit, die Geburtshilfe in der Klinik auch. Alle wissen das, nur scheinbar nicht die, die was daran ändern könnten. Die erzählen weiter von der ach so guten medizinischen Versorgung in Deutschland, von Pflegestärkungsgesetzen, Sicherstellungszuschlägen und anderen Errungenschaften. Vielleicht würde es die Augen öffnen, mal eine Nacht wie diese in der Klinik mitzuerleben. Ich befürchte nur, dass genau dies gar nicht gewollt ist. Denn dann würde das Schönreden auf einmal ganz schön schwierig werden.

Text von Anja Constance Gaca, ursprünglich erschienen auf www.vonguteneltern.de.

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